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R.Brautigam - Beethoven vol.1

 

Ronald Brautigam
Ludwig van BEETHOVEN (1770-1827)
Complete Works for Solo Piano ­ Vol. 1
BIS records
Kritik von Tobias Pfleger

http://magazin.klassik.com/reviews/reviews.cfm?task=review&REID=3597&RECID=5063&CFID=1060843&CFTOKEN=99064780
Revolutionärer Beethoven
Kritik von Tobias Pfleger, 09.03.2005
Interpretation: *****
Klangqualität: *****
Repertoirewert: *****
Booklet: *****

Noch einen Zyklus mit Beethovens Klaviersonaten? Ist das wirklich nötig? Die selbe Frage stellte sich vor kurzem, als das schwedische Label BIS den ersten Teil der geplanten Beethoven-Sinfonien veröffentlichte. Eben dieser Plattenverlag nimmt sich vor, alle Klaviersonaten Beethovens einzuspielen und nimmt hier Projekte in Angriff, deren wirtschaftlicher und künstlerischer Erfolg angesichts des übergroßen Angebots an Alternativaufnahmen in den Sternen steht. Lohnt es nun –vergleichbar mit der hervorragenden und neue Seiten hervorkehrenden Aufnahme der Vierten und Fünften Sinfonie – auch bei den Sonaten für Klavier eine weitere Einspielung in den Plattenschrank zu stellen? Ja, unbedingt!
Denn der Beethoven, den der holländische Pianist Ronal Brautigam hier vorstellt, klingt nicht nur erfrischend, sondern unerhört und revolutionär. Schon die ersten Akkorde der ‘Pathétique’ hämmern dem Hörer in einer ungewohnt drastischen Weise entgegen. Der Nachbau eines Fortepianos aus dem Jahr 1802 schmettert Klangfarben hervor, die man auf einem modernen Konzertflügel nie erzeugen könnte. Hier klingt der siebenstimmige, in enger Lage erklingende c-Moll-Akkord so packend wie nie zuvor. Natürlich ist dies nicht nur durch die Verwendung eines Fortepianos bedingt, sondern auch durch die interpretatorische Grundhaltung Brautigams. Er scheint sich zum Ziel gesetzt zu haben, den modernen Ohren des Musikpublikums die Klaviersonaten Beethovens zu vorzustellen, wie diese womöglich auf die Zeitgenossen des Komponisten gewirkt haben: unerhört, dramatisch, leidenschaftlich, energisch; doch auch versonnen, elegisch, kantabel, wie in den langsamen Sätzen. Können diese Charaktere Beethovenscher Musik auch auf modernen Instrumenten angedeutet werden, so vermag Brautigam auf diesem Fortepiano die Gegensätze von furienhaften Klängen zarten Melodiebögen glänzend darzustellen.

Von der Tarantel gestochen

Man mag vielleicht in Fragen der Tempogestaltung Bedenken anmelden, denn der erste Satz der c-Moll-Sonate op. 13 wird von Ronald Brautigam rasend schnell genommen: Das Thema gewinnt so einerseits ungekannte Vehemenz, andererseits wird es weniger in seinen Einzelelementen als vielmehr als großer Bogen erfassbar. Das allerdings scheint genau die Spielanweisung ‘Allegro di molto e con brio’ abzubilden, denn hier soll es nicht um dunkle Seelenqualen gehen, sondern um feurige Leidenschaft. Bemerkenswert scheint hier vor allem, wie es der Pianist schafft, auch bei diesem horrend schnellen Tempo die aberwitzig flotte Achtelbegleitung differenziert zu gestalten. Die Oktavbewegungen in der linken Hand versieht Brautigam mit kleinen dynamischen Steigerungen, die gerade bei langsameren Bewegungen in der rechten Hand die Spannung halten. Man hat den Eindruck, als dränge die freigesetzte Energie unaufhaltsam vorwärts. Auch den dritten Satz interpretiert Brautigam in sehr schnellem Tempo. Dass man trotzdem nicht den Eindruck gewinnt, der Pianist rase wie von einer Tarantel gestochen durch die Gegend, liegt vor allem an der von Brautigam erzeugten Spannung, die auch durch die Tempogestaltung erzeugt wird: Hier treten – wie schon angedeutet – nicht Einzelelemente des Satzes in den Vordergrund, sondern größere Abschnitte. So wird die Architektur in Spannungsbögen umgewandelt, die sich dem Hörer unmittelbar mitteilen.

Feinste Technik

Erreicht wird die ungeheuere Drastik und Spannung jedoch nicht nur durch genaue Umsetzung der Spielanweisungen, sondern auch durch Brautigams famose Klaviertechnik. Verschiedene Anschlagshärten werden auf diesem Instrument sofort in fein schattierte Klänge umgewandelt, das leicht ansprechende Fortepiano bringt das feinfühlige Spiel Brautigams bestens zum Tragen. Vor allem klangliche Feinabstimmungen werden hier möglich, die auf einem Konzertflügel nicht in dem Maße zu realisieren sind.
Dass diese Aufnahme so frappierend aufregend klingt, hängt natürlich auch mit der Aufnahmetechnik zusammen. Sowohl in Bezug auf Dynamik als auch auf Klangfarbenreichtum gehört diese CD zur Spitzenklasse.
Man kann also nur hoffen, dass die mit dieser Aufnahme angefangene Reihe der Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven mit Ronald Brautigam fortgeführt wird. Der Einstieg zumindest hätte nicht besser gelingen können und lässt in Spannung auf Folgendes warten.

Kritik von Tobias Pfleger, 09.03.2005

 

 

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